Diese Beitrag ist mit anonymisierten Aussagen meiner bezaubernden Community auf Instagram gespickt – danke wie immer für eure Einblicke! Ihr seid die besten. Und wir sind nicht alleine.

„Eine neue Runde, eine neue Wahnsinnsfahrt…“ Manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, wenn ich schon sehe, wie eins meiner Kinder tief Luft holt und ich genau weiß: das wird ein waschechter Wutausbruch. Einer, den ich nicht wegdiskutiert bekomme und der uns den ganzen Nachmittag begleiten wird.

Es wird nichts richtig sein. Es wird laut. Ich werde laut. Und unfair.

Kinder zu begleiten ist nicht immer einfach. Gefühlsstarke Kinder zu begleiten fühlt sich manchmal wie ein Kampf gegen Windmühlen an. Aber genau das sollte es ja gerade nicht sein, ein Kampf. Eltern gegen Kind. Kind gegen Eltern. Gesellschaft gegen Eltern, denn um Himmelswillen, wie sich dieses Kind benimmt, da kann man ja nur ganz viel falsch gemacht haben. Das ist anerzogen! Weit gefehlt, möchte ich behaupten.

Das ist anerzogen!

Mit drei Kindern, die meines Erachtens alle sehr gleich „erzogen“ wurden möchte ich ganz klar behaupten – nö. Man kann niemanden dazu erziehen, seinen Gefühlen und seiner Verzweiflung besonders intensiv raus zu lassen. Das entspringt einer Haltung die innehält, Kinder seien manipulativ und hätten Hintergedanken dabei sich jetzt die Seele aus dem Leib zu schreien. Ich will nicht sagen, das nicht manche Kinder wüssten, wie sie zu „ihrem Willen“ kommen. (Und ob ihr das negativ oder positiv bewerten wollt) Ich wage aber zu behaupten, dass das ein anderer Fall ist, und das beim gefühlsstarken Kind mehr dahinter steckt.

Ein Gefühlsstarkes Kind ist nicht manipulativ. Es weiß sich schlichtweg nicht anders zu helfen, es sucht Hilfe.

Und ich denke das Eltern und die Bezugspersonen die in Verbindung zu diesen Kindern sind den Unterschied ganz klar sehen.

„Es macht kein Drama – es erlebt ein Drama.“

Dieser Satz, geschrieben von Nora Imlau, fährt bei mir im Kopf Dauerschleife. Denn er beschreibt kurz und effektiv wie es für gefühlsstarke Kinder ist. Was für uns eine vermeidliche Kleinigkeit ist, ist für diese Kinder real, greifbar und wirklich, wirklich schlimm.

Das zu verstehen, sich darauf einzulassen und das Kind ernst zu nehmen ist die erste, aber wichtige Hürde die meiner Meinung nach zu nehmen ist.

Ich sehe dich – ich verstehe was dein Problem ist

Zugegeben, manchmal verstehe ich es eben auch nicht. Meine Erwachsenen-Logik möchte jetzt nicht nachvollziehen, warum eine Banalität nun unseren schönen Tag ins Wasser fallen lässt. Ich lüge mein Kind hier auch nicht an und heuchle Verständnis. „Oh ja, gaaaanz schlimm!“ Nein. Krieg ich gar nicht über mich – muss ich auch nicht.

Ich kann jederzeit auf der Seite meines Kindes sein, ohne seiner Meinung zu sein.

Denn es ist doch so: Im Endeffekt ist es egal, was ich zu der Ursache denke. Eine Notlage bleibt eine Notlage. Es ist das persönliche Empfinden des Kindes und meine Aufgabe besteht darin, dem Kind jetzt da durch zu helfen. Mit spiegeln, erklären, Verständnis.

„Du bist wütend weil…“ – „Das hat dich sehr sauer gemacht…“ – „Manchmal bin ich auch so sauer, wenn…“ – „Sich wütend /traurig / whatever zu fühlen weil …. geht mir / deinem Papa / vielen Menschen so.“

Gefühle ernst zu nehmen, nicht klein zu reden, nicht selbst laut zu werden (!) Das ist schwer. Glaubt mir, ich weiß das. Und oft fehlt mir auch dieser Funken Geduld, das nochmal tief durch atmen. Das nochmal verständnisvoll reagieren. Und dann platzt es auch mal aus mir heraus. Das ist nicht cool und nicht pädagogisch wertvoll, aber sehr menschlich. Also, Bezugspersonen gefühlsstarker Kinder, geht nicht zu hart mit euch selbst ins Gericht. Authentizität über Perfektionismus. Jeden Tag.

Jetzt sei doch mal ein Mann!

Es gibt eine Aussage, da kriege ich direkt Stresspickel. Und da kann ich definitiv nicht an mich halten. Das sind meistens Aussagen die ausschließlich mein Sohn zu hören bekommt. Am liebsten von Fremden im Supermarkt, wem auch sonst. „Jetzt sei doch mal ein Mann“ – „Schau die Mädchen lachen schon.“ – „Bist du ein Mädchen, das du so heulst?“

Für mich ist das der Gipfel und gleichzeitig der Ursprung toxischer Maskulinität. Ein Mann weint nicht, ein Mann zeigt keine Emotionen, ein Mann spricht auch nicht darüber. Wir sind im Jahr 2021, können wir das mal bitte lassen? Warum genau sollten wir das unseren Buben erzählen? Damit sie erwachsene Männer werden, die weder Emotion noch Kommunikation über die Lippen kriegen, in ihren Beziehungen versagen, sich selbst ihrem Partner nicht anvertrauen können und all die Emotionalen Narben am besten in Therapie aufarbeiten. Wenn, ja wenn, sie es denn irgendwann schaffen über das Stigma hinweg zu kommen, welches ihnen ab Laufalter eingetrichtert wurde?

Gleiches für die Mädchen die zickig, testerisch oder aufmüpfig sind. Sorry, nein. Sie sind eine Persönlichkeit, die unabhängig von ihrem Geschlecht, mit ihrem ganz eigenen Charakter und ihren persönlichen Empfinden auf diese Welt gekommen ist. Und keine dieser Aussagen, die unsere Kinder manipulieren sollen „anders zu sein“ werden sie „anders machen“.

Keine Aussage, die unsere Kinder manipulieren soll „anders zu sein“ wird sie „anders machen“.

Abgrenzung

Ein weiterer Punkt der mir geholfen hat mein/e gefühlsstark/en Kind/er zu begleiten ist mich abzugrenzen. Und ganz ehrlich, manchmal hilft nur das. Nachdem ich das Problem also gesehen, besprochen, ansatzweise sogar gelöst habe und die Laune immer noch im Keller ist, dann atme ich einmal tief durch und denke mir: „Deine schlechte Laune wird nicht meine sein.“ Das klingt jetzt vielleicht hart, aber so ist es gar nicht gemeint. Eltern gefühlsstarker Kinder kennen das sicher, wenn man sich in diesem Strudel an Emotionen und Lautstärke hineinziehen lässt. Wenn das aufbrausende Gefühl deines Kindes zu deinem eigenen wird. Ich kenn das so gut. Aber unterm Strich – hilft das irgendjemanden? In der Regel nicht. Also grenze ich mich innerlich ab und versuche unseren Tag weitestgehend normal weiter zu führen. Ja, manchmal sage ich dann Verabredungen ab weil ich weiß das ein Volksfest jetzt nicht der place to be ist, mit der aktuellen Laune.

Aber ich sehe gar nichts verkehrt daran, eine Situation auch mal aufzulösen indem man sagt „Okay. Ich bin jetzt im Garten, möchtest du mit mir die Gurken ernten? Nein? Magst du auf der Terrasse spielen? Ok. Ich bin gleich da drüben wenn du mich brauchst. Und wenn du doch noch mit machen willst, kannst du jederzeit rüber kommen. Und wenn du mich brauchst, rufst du und ich bin sofort da.“

Ich mache meinen Alltag weiter, auch wenn das Kind ne scheiß Laune hat. Weil ich nichts dafür kann. Und weil es nichts hilft jetzt gemeinsam stundenlang um diese Wut, diese Emotion, herum zu tänzeln.

Fazit – das neue Normal

Und vielleicht – ganz vielleicht – ist das heutige „gefühlsstark“ auch das neue „normal“. Weil wir wohl die erste Generation sind, die ihren Kindern nicht von kleinauf eingetrichtert hat, das Emotionen unerwünscht sein können. Wir sind die Generation die Auas ernst nimmt und weg pustet und nicht „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ herunter betet. Wir hören zu, agieren auf Augenhöhe und rollen innerlich die Augen wenn von „Tyrannen“ gesprochen wird, als wären kleine Menschen nicht auch vollwertige, ernstzunehmende Personen. Wir sind in Beziehung zu unseren Kindern und geben ihnen die Liebe und Geborgenheit, ganz sie selbst zu sein. Und das sind sie dann auch. Oh das sind sie. Mit allen Ups and Downs, weil sie sich das leisten können. Weil sie wissen, das unsere Zuneigung nicht davon abhängig ist wie „brav“ oder wie „gut“ sie sind.

Und ist das nicht wundervoll, sich ganz und gar geliebt zu fühlen?

Dieses Gefühl, die Basis meinem Kind mitzugeben, dafür werde ich mich keinen Tag schämen oder beschämen lassen. Und das solltest du auch nicht.